Kapitel 115 * ein gemischter Eintrag, der zur TRAURIGKEIT und gleichzeitig zur HERZERWÄRMUNG führt.

 

Letztes Jahr hatten mein Mann und ich wieder einmal entschlossen, uns einen Volksfesttag zu gönnen. Aus den vielen Gesichtern der Menschen drang freudiges Lachen und es ließ sich nichts dergleichen erkennen, dass auch nur ein einziger Mensch betrübt oder lustlos sich unter dem gemischten Gewühl befand. Auch ich verfügte über einen glücklichen Moment, der sich jedoch von einer Sekunde auf die andere veränderte, indem ich im übertragenen Sinne eine sehr große Traurigkeit verspüren konnte und deren meine ganze Aufmerksamkeit verlangte. Unter dem ganzen Trubel und Gerüchen, angereichert von Mandeln bis hin zu gebratenem Fisch, stand ein armseliges Häufchen Elend von Mensch, mitten auf dem Platz. Mit seiner großen Musiktrommel drehte und drehte er an der Kurbel. Die Menschen gingen wie im Fluge an diesem Kasten vorbei. Mag sein, dass sie nicht einmal durch das entstandene Schubsen und Gedrängel den Klang aus seiner Trommel wahrgenommen haben. Ich schaute diesen Mann in die Augen. Ich schaute noch einmal hin. Er besaß gar keine Augen mehr. Ein Dialog im Dunkeln!! Etwas stutzig blieb ich unbeobachtet stehen. Von ca. 50 Menschen klapperte mal ein einziger Groschen im Körbchen. Er nickte. Ich bin zwar nicht der Typ, der gleich Scheine zu verschenken hat, aber es war für mich schlicht und ergreifend absolut kein Thema, ihm einen 5 Euro-Schein in seine Hand zu drücken. Ein sehr zartes Lächeln kam zurück. Er bedankte sich bei mir geradeaus, ich selbst bin aber rechts von ihm gestanden -- er konnte mich doch nicht sehen. Ein bitterer Anblick!!

Ich bewundere all diese Menschen zutiefst, denn unser Gespür für andere wird im Alltag oft wie durch eine Lawine von Sorgen und Problemen verschüttet. Und doch sind es die kleinen Dinge die zählen, aber immer weniger denken wir daran, wie gut es uns in Wirklichkeit geht.

Weiter…

Nachher stand ich etwas nachdenklich an der Seite. Ja, er hat mir leid getan. Wobei ich mich etliche Stunden darüber noch sehr lange freute, weil ich ihm etwas schenken konnte und hoffe, dass er vieles zusammenbekommen hat. Er kann sich nicht einmal in einem Geschäft etwas aussuchen und noch dazu sagen: „Ja, das nehme ich, das gefällt mir!“

An diesem Tag hatte ich mir gar nichts gekauft und es war ein Moment, der das Herz wärmte und ich spürte zugleich, damit etwas mehr Barmherzigkeit sofort die Welt verändert. Ich denke mal, hätte nur jeder Mensch ein gewisses Maß an Liebe im Herzen gespeichert, wäre der gesamte Planet ganz leicht heilbar. Nur dieses kleine Gespür würde der Hauptunterschied in unserem Leben sein. Das will hier ausdrücken: Nie aufgeben und jeder Moment ist ein Neuanfang und NICHTS ist zu spät. Entwickeln wir mehr Verständnis für die Wahrheiten anderer Menschen, wartet ein mutiger Einsatz auf uns.

Der dabei womöglich einleuchtende Satz: „Wenn ein kleines Kind schon nach dem ersten Sturz aufgäbe, könnte es niemals laufen lernen.“ Vielleicht erscheint es uns erst einmal später umso wichtiger, WARUM wir hier auf Erden mit hohem Respekt und tiefer Liebe allen gegenüberstehen dürfen.

WER DANKBAR IST, RICHTET DEN BLICK AUF DAS GUTE! Man kann oft sein Herz mit viel Engagement einsetzen und allen Dingen, die einen körperlichen Einsatz verlangen, Zuwendung geben. Und jedes Mal, wenn wir daran denken, wird unser Gefühl für diese schönen Gedanken genährt. Uns Menschen mag immer und immer wieder zwischendurch bewusst werden, wie wohlig wir uns auch ohne diesen ganzen „Überfluss“ fühlen können. Nur schade, dass wir viele Dinge erst zu schätzen wissen, wenn man sie nicht mehr hat.

 

ALLE  ZEIT, DIE  NICHT  MIT DEM  HERZEN WAHRGENOMMEN  WIRD, IST SO VERLOREN WIE DIE FARBEN EINES REGENBOGENS FÜR EINEN BLINDEN  ODER  DAS LIED  EINES  VOGELS  FÜR  EINEN  TAUBEN.

Michael Ende (deutscher Schriftsteller)


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